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Sind wir krank?

sub_arewesick

Was bedeutet „Krankheit“ hier überhaupt?

In der Medizin wird eine Krankheit typischerweise definiert als:

→ Störung der normalen Funktion,

→ Beeinträchtigung des Wohlbefindens,

und ein Zustand, der innerhalb eines definierten Rahmens diagnostiziert und behandelt werden kann.

Moderne Klassifikationssysteme (ICD, DSM) haben das in operationalisierbare Kriterien für „Substanzgebrauchsstörungen“ und verwandte Muster übersetzt.

Diese Kriterien sind für viele Zwecke nützlich:

→ Forschung,

→ Versicherung,

→ Zugang zu Behandlungen,

→ und Kommunikation in Gesundheitssystemen.

Sie sind jedoch nur eine Weise, das zu beschreiben, was passiert.


Meine persönliche Erfahrung

In meinen Jahren der Alkoholabhängigkeit und anderer Muster habe ich mich nie „krank“ gefühlt, wie es die klassische medizinische Sprache suggeriert.

→ Ich erlebte funktionale Beeinträchtigungen und wiederholte Selbstsabotage.

→ Ich sah Muster, die ich nicht leicht ändern konnte.

→ Ich lebte mit objektiv schädlichen Konsequenzen.

Aber innerlich fühlte sich meine Welt dennoch „geordnet“ an – auf ihre verzerrte Weise. Von innen heraus wirkte es nicht wie eine Krankheit, die von außen angreift. Es fühlte sich an wie ein System, das ich selbst steuerte – nur schlecht.

Diese subjektive Erfahrung ist entscheidend, gerade wenn wir mit autonomen Erwachsenen als Akteure arbeiten wollen, nicht als passive Objekte.

Krankheit oder Managementdefekt?

Von außen kann die Bezeichnung Sucht als „Krankheit“ sein:

→ entlastend (weniger Scham, mehr Zugang zu Hilfe),

→ oder einschränkend (implizierte Passivität und feste Identität).

Von innen erleben viele Menschen:

→ sowohl ein Gefühl des Feststeckens,

→ als auch die Gewissheit, weiterhin Entscheidungen zu treffen – wenn auch schlechte.

In meiner Praxis bestehe ich deshalb nicht auf dem Krankheitslabel. Stattdessen arbeite ich mit dieser Rahmung:

→ Wir sind nicht „krank“ im moralischen Sinne.

→ Wir haben funktionale Defekte und Managementfehler in der Handhabung unserer Abhängigkeiten.

Das leugnet weder Biologie noch Psychologie. Es setzt einen anderen Akzent:

→ Es respektiert medizinische Ansätze, wo sie hilfreich sind.

→ Es verhindert, dass eine temporäre Konfiguration zur festen Identität wird.

→ Es fördert Eigenverantwortung ohne Moralisierung.

Warum diese Sprachwahl entscheidend ist

Sprache formt Verhalten.

→ Wenn alles „Krankheit“ ist, warten Menschen auf externe Heilung.

→ Wenn alles „Willenskraft“ ist, ertrinken sie in Schuld und Scham.

Der mittlere Weg, den ich vorschlage:

→ anerkennt strukturelle und biologische Realitäten,

→ lädt aber dazu ein, sich als Manager:innen der eigenen Abhängigkeitsstruktur zu sehen,

→ fähig zu lernen, zu korrigieren und Funktionalität wiederherzustellen.

Das ist die Haltung, aus der ich mit Klient:innen arbeite.

Thomas Puhl | Freelancer | B2C Germany [DACH][DE]
Technology: Voideffect LLC, Wyoming
B2B global: Thomas Puhl LLC, Wyoming, USA thomaspuhl.com
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